Schulbuchversorgung für blinde und sehbehinderte Lernende

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Sehr geehrte Damen und Herren,
bei der DBSV-Verwaltungsratssitzung im Oktober 2016 in Saarbrücken haben wir die Probleme bei der Versorgung blinder und sehbehinderter Schülerinnen und Schüler mit barrierefreien Lernmedien und vor allem Schulbüchern besprochen.
Mit dem nachfolgenden Text hat der DBSV nun am 07.03.2017 alle Kultusministerien, die Landesbehindertenbeauftragten sowie die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele und die Kultusministerkonferenz angeschrieben.
Über evtl. Rückmeldungen zu unseren Briefen werden wir Sie informieren. Es ist sicher hilfreich, wenn Sie die Forderung nach barrierefreien Schulbüchern auch in Ihre bildungspolitischen Aktivitäten auf Landesebene einbeziehen. Ein wichtiger Baustein ist z. B. die Änderung der Schulbuchzulassungsverordnungen in allen Bundesländern. Diese sollten vorschreiben, dass Schulbücher nur dann zugelassen werden, wenn sie vom Verlag auch in barrierefreiem digitalem Format bereitgestellt werden.

Im Folgenden der Brieftext:

Büchernot bei blinden und sehbehinderten Lernenden

Sehr geehrte …,
der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband ist der Spitzenverband der blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland und setzt sich u. a. für gleiche Bildungschancen für Schülerinnen und Schüler mit Seheinschränkung ein.
Neben vielen anderen Faktoren ist die Versorgung mit Lernmitteln in zugänglichen Formaten ein unverzichtbarer Baustein für gute Bildung.
Schulbücher und andere Medien müssen für Lernende mit Seheinschränkung zur gleichen Zeit in gleicher hoher Qualität und barrierefrei zur Verfügung stehen, wie für alle anderen auch und in einem barrierefreien Format.
Der DBSV begrüßt, dass die digitale Bereitstellung von Schulbüchern durch einen Vertrag des Hessischen Kultusministeriums mit dem Verband der Schulbuchverlage grundsätzlich ermöglicht wird.
Damit diese grundsätzliche Möglichkeit aber auch zu einer tatsächlichen gleichberechtigten Schulbuchversorgung führt, sind erhebliche Anstrengungen zu unternehmen. Der DBSV fordert deshalb alle Beteiligten auf, unverzüglich bessere Bedingungen für die Schulbuchversorgung zu schaffen und zwar:

1.     Schulbücher müssen von Verlagen in barrierefreien digitalen Formaten angeboten werden
Die Schulbuchzulassungsverordnungen der Länder sind entsprechend zu ergänzen.
Heutige Schulbücher sind mit hohem didaktischem Anspruch sehr differenziert gestaltet. Bei der Übertragung in Blindenschrift, sehbehindertengerechten Großdruck oder ein barrierefreies digitales Format muss die eigentliche Struktur aus dem gedruckten Buch oder den vom Verlag gelieferten Daten i. d. R. in mühsamer und sehr langwieriger Kleinarbeit nachgebildet werden.
Dies wäre nicht notwendig, wenn Schulbuchverlage ihre Werke mit Erscheinen bereits in einem barrierefreien digitalen Format bereitstellen würden. Aus diesem können dann unterschiedliche Medienformen wie Großdruck, Blindenschrift, Hörformate u. ä. erstellt werden.

2.     Für barrierefreie Schulbuchformate müssen einheitliche Qualitätsstandards erarbeitet und verbindlich beschlossen werden
Solche barrierefreien Formate müssen u. a. folgende Kriterien erfüllen:
*    einerseits das Aussehen des Originalbuches haben und andererseits alle dessen Inhalte enthalten
*    die Buchinhalte in der richtigen logischen Reihenfolge bzw. Leserichtung wiedergeben
*    Strukturierungsmerkmale durch Formatvorlagen bzw. TAGs wiedergeben, z. B. Überschriften, Listen, Tabellen etc.
*    auch weitere Merkmale von Schulbüchern wiedergeben, wie Umrahmungen, Lückentexte
*    mathematische Ausdrücke im LaTeX-Format wiedergeben
(Detaillierte Anforderungen wurden im Projekt "Vorbereitung einer Zielvereinbarung zur verbesserten Versorgung mit Schulbuchliteratur für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler" (
www.die-zukunft-barrierefrei.de) erarbeitet.)

3.     Konkretisierung von Kriterien
Im Rahmen eines Projektes unter Beteiligung von Verlagen, Förderzentren für Blinde und Sehbehinderte, Fachleuten für Barrierefreiheit und Selbsthilfevertretern müssen die genannten Kriterien fachlich fundiert ausgearbeitet und Transferformate entwickelt werden.

4.     Schnelles Verfahren für die Abgabe und Weitergabe von Dateien
Schulbuchverlage, das Hessische Kultusministerium und das Medienzentrum der Johann-Peter-Schäfer-Schule in Friedberg als die beteiligten Organisationen müssen ein Verfahren finden, um Dateien von Schulbüchern unverzüglich Lernenden mit Seheinschränkung zur Verfügung zu stellen und die Praxistauglichkeit dieses Verfahrens evaluieren. Vor allem ist zu ermitteln, ob Verzögerungen aus dem Schuljahresbeginn 2016/17 behoben sind. Das betrifft vor allem sehbehinderte Schülerinnen und Schüler, die sich als Datei gespeicherte Bücher mit digitalen Vergrößerungstools zugänglich machen können.
Wir rufen Sie dazu auf, sich für bessere Lernbedingungen blinder und sehbehinderter Schülerinnen und Schüler einzusetzen und die nötigen Schritte zur Umsetzung der genannten Punkte zu fördern. Gern stehen wir für ein Gespräch dazu zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen

Renate Reymann
Präsidentin des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e. V.

Herzliche Grüße

gez. Reiner Delgado
Sozialreferent

Zuletzt geändert am: 13.03.2017

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